Locarno, ein engagiertes Festival

Der Goldene Leopard der 78. Ausgabe des Locarno Film Festival wurde von der internationalen Jury unter dem Vorsitz von Rithy Panh an den Film Tabi To Hibi (Two Seasons, Two Strangers) des japanischen Regisseurs Sho Miyakevergeben. Die ökumenische Jury unter dem Vorsitz von Mélanie Pollmeier zeichnete hingegen Solomamma, das Erstlingswerk der in Frankreich lebenden norwegischen Regisseurin Janicke Askevold, aus.
Der diesjährige Wettbewerb war stark geprägt von der Präsenz von „Geistern“ im weitesten Sinne. Geister, die aus der Abwesenheit eines geliebten oder gehassten Menschen entstehen. Geliebt, wie in Dry Leaf des georgischen Regisseurs Alexandre Koberidze (FIPRESCI-Preis), oder gehasst, wie in Bog Neće Pomoći (God Will Not Help) der kroatischen Regisseurin Hana Jušić. Aber auch im wörtlichen Sinn, etwa in Sehnsucht in Sangerhausen (Phantoms of July) von Julian Radlmaier oder Linije želje (Desire Lines) von Dane Komljen.
Das Thema der Abwesenheit zog sich als roter Faden durch den Wettbewerb: die Abwesenheit von Erwachsenen in einer unausweichlichen Apokalypse (Mare’s Nest von Ben Rivers) oder der Verlust von Unbeschwertheit und Kindheit (Le Lac des Schweizer Regisseurs Fabrice Aragno, lobende Erwähnung der ökumenischen Jury).
Die Härte und Brutalität der heutigen Welt, geprägt von Krieg sowie sozialer und politischer Gewalt, standen im Zentrum rumänischer Produktionen (Dracula von Radu Jude, Sorella di Clausura von Ivana Mladenović) sowie Filmen zum Nahostkonflikt (With Hasan in Gaza von Kamal Aljafari, Tales of the Wounded Land von Abbas Fahdel).
Weitere Themen waren das kollektive Gedächtnis (As Estações von Maureen Fazendeiro), kindliche Fantasie (Le bambine von Valentina Bertani und Nicole Bertani) sowie die Absurdität der Welt (Donkey Days von Rosanne Pel).
Auffällig ist, dass zwei Schwergewichte des Wettbewerbs leer ausgingen: Mektoub, My Love: Canto Due von Abdellatif Kechiche sowie Yakushima’s Illusion von Naomi Kawase.
Von den 18 Filmen im Wettbewerb zählen diese beiden Werke zusammen mit Solomamma zu den zugänglichsten für ein breites Publikum. Doch Locarno beschränkt sich nicht auf den Wettbewerb. Seine Einzigartigkeit liegt in seiner Vielfalt und seinem Engagement.
Die Open-Air-Abende würdigten unter anderem iranische Filmschaffende wie Golshifteh Farahani, Mohammad Rasoulof und Jafar Panahi. Gleichzeitig wurden populäre Persönlichkeiten wie Jackie Chan, Emma Thompson und Willem Dafoe geehrt.
Programme wie „Open Doors“ förderten insbesondere das afrikanische Kino, während „Léopards de demain“ jungen Talenten als Sprungbrett dienten.
Trotz seiner internationalen Bedeutung bleibt das Festival menschlich und zugänglich. Neben Filmvorführungen prägen auch Konzerte und öffentliche Veranstaltungen das Stadtbild. Diese Nähe zwischen Publikum und Filmschaffenden ist ein zentraler Erfolgsfaktor des Festivals.
Die ökumenische Jury als Gast des Festivals
Eine Besonderheit des Festivals ist die Präsenz unabhängiger Jurys, darunter seit 1973 die ökumenische Jury – die älteste ihrer Art bei grossen Festivals. Sie wird von den Organisationen INTERFILM und SIGNIS getragen und vergibt einen mit 10’000 Schweizer Franken dotierten Preis.
Ein weiteres Merkmal ist der Austausch mit Persönlichkeiten aus Kultur und Gesellschaft sowie die enge Verbindung zur Festivalleitung unter dem künstlerischen Direktor Giona N. Nazzaro.

Diese starke Integration ist auch dem langjährigen Engagement von Charles Martig zu verdanken, der die Jury über Jahrzehnte begleitet hat. Im Rahmen der 30. Jury übergab er die Koordination an Silvan Maximilian Hohl und Baldassare Scolari.
Die Jury tritt zudem mit der Öffentlichkeit in Kontakt, etwa im Rahmen ökumenischer Feiern verschiedener christlicher Konfessionen. Diese Begegnungen unterstreichen den interkulturellen und interreligiösen Dialog, der im Zentrum ihrer Arbeit steht.